Gendersensible Erziehung Bub spielt mit Puppenhaus

erziehungsstile gibt es viele: autoritäre oder antiautoritäre Erziehung, demokratische, egalitäre, permissive Erziehung um eine kleine Auswahl zu bieten. Den „richtigen“ Erziehungsstil gibt es nicht. Es kommt sehr viel auf die eigenen Erfahrungen und auf die eigene Persönlichkeit darauf an, welcher Erziehungsstil einem bzw. einer entspricht.

10 Tipps zur Reflexion

Zudem, wie das mit Kategorien so ist: die Grenzen sind fließend. Man entspricht nie nur einer Kategorie, sondern findet bei verschiedenen Erziehungsstilen Überschneidungen mit dem eigenen. Sind die Grundpfeiler wie Zuneigung, Fürsorge, Akzeptanz und ein Mindestmaß an Autonomie für das Kind in der Erziehung gewahrt, ist schon viel gewonnen. 

Neben den Erziehungsstilen, quasi dem „Wie will ich mein Kind erziehen?“, stellen sich auch viele Eltern die Frage: „Was will ich meinem Kind vermitteln? Welche Werte sind mir bei der Erziehung oder Begleitung meiner Kinder wichtig?“

Erziehung für Chancengleichheit

Für uns sind eine tatsächliche Chancengleichheit und die Freiheit, selbstbestimmt leben zu können (und das gilt auch für zukünftige Generationen) zentrale Elemente, für eine nachhaltig faire Gesellschaftsordnung. Dem entgegen stehen oft Vorurteile und Schubladen voller Klischees, in die wir Menschen einordnen und ihnen dadurch Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten nehmen. 

Damit Kinder ihre Potentiale voll entwickeln können, ist es notwendig diese Einschränkungen aufzuzeigen, zu hinterfragen und letzten Endes aufzulösen. 

Wie können wir die Kinder nun erzieherisch begleiten, damit sie sich möglichst unbeeinflusst von Stereotypen entwickeln können? Dafür möchten wir mit diesem und zwei weiteren Blogartikeln, die in Kürze erscheinen werden, Unterstützung bieten. 

Erziehung ohne Klischees Mädchen spielt Fußball

Tipps gegen Schubladendenken

Mit je 10 Tipps gegen Schubladendenken widmen wir uns drei wichtigen Säulen, die sich für uns als wesentlich herauskristallisiert haben: 

  • der Reflexion bzw. Selbstreflexion
  • dem Vorleben und Vorbild sein und 
  • dem Anbieten von Wahlmöglichkeiten und wie wir Vielfalt sichtbar machen können

Für eine Kindheit ohne Klischees ist es wichtig, dass wir uns zuerst einmal mit den eigenen Erfahrungen auseinandersetzen und die Vorurteile hinterfragen, die wir selbst verinnerlicht haben. Wir alle waren und sind mit Stereotypen konfrontiert, tragen sie mit uns herum und reproduzieren sie in unterschiedlichem Ausmaß. Eine gendersensible und diskriminierungskritische Erziehung muss sich zuerst damit auseinandersetzen, um darauf aufbauend Handlungsanleitungen entwickeln zu können. 

10 Tipps zur Reflexion für eine Erziehung ohne Klischees

Diese Tipps haben wir auch bereits auf unserem Instagram-Kanal veröffentlicht, zum Teil in etwas ausführlicherer Form. Wenn dir etwas fehlt, Fragen entstehen, du etwas anders siehst freuen wir uns, auf eine konstruktive Diskussion in den Kommentaren.  

1. Reflektiere dein eigenes Aufwachsen

In unseren Erinnerungen liegt ein reichlicher Erfahrungsschatz, der uns viel beim Umgang mit Kindern helfen kann. Was haben wir als Kinder und Jugendliche geliebt und gehasst? Wie war die Beziehung zu unseren Eltern? Was fanden wir gut und was nicht so sehr? Was hätten wir uns aus heutiger Perspektive von unseren Eltern oder anderen engeren Bezugspersonen gewünscht?

2. Check your Privilege 

Nur wer sich seiner Privilegien bewusst ist, kann Verständnis für die Situation jener Menschen entwickeln, denen diese Privilegien nicht zuteil werden.  „Check your Privilege“ bedeutet, sich der Vorteile bewusst zu werden, die eins selbst zum Beispiel durch das Geschlecht, die Hautfarbe, die Herkunft oder Nicht-Behinderung besitzt.

Und das ohne eigenes Zutun. Sie sind einfach da. Das bedeutet nicht, dass man diese Vorteile nicht genießen darf oder sich schuldig fühlen muss deshalb. Sich deren bewusst werden und anerkennen, dass Menschen diese nicht haben, ist schon ein guter Schritt, der dann oft mit mehr Verständnis und mehr Wertschätzung für andere Bevölkerungsgruppen einher geht. 

3. Reflektiere ob und wo gesellschaftliche Zuschreibungen dein Handeln definieren

Wir sind alle in einer Welt aufgewachsen, in der Klischees und gesellschaftliche Zuschreibungen Menschen prägen. Manchmal führt das dazu, dass wir gewisse Rollenbilder komplett ablehnen und uns mit unseren Handlungen dazu stark abgrenzen. Manchmal fügen wir uns oder nehmen sie auch gerne an. 

Ob du nun, plakativ geschrieben, als Frau gerne strickst oder als Mann Autos liebst – wunderbar. Wichtig ist, dass diese Optionen für alle offen stehen und es keine Zugangsbarrieren gibt. Deshalb ist uns wichtig, dass wir Kindern immer auch eine andere Seite von gesellschaftlichen Zuschreibungen zeigen.

Klischeefrei putzen Mann reinigt Klo

4. Achte auf deine Sprache

Sprache schafft Bewusstsein. Damit meinen wir nicht nur, dass wir eine möglichst genderneutrale Sprache als wichtig erachten. Was es mit Kindern macht, wenn sie beispielsweise statt der Berufsbezeichnung „Polizist“ die männliche und weibliche Variante hören, also „Polizist und Polizistin“, haben wir schon mal in einem Blogartikel näher ausgeführt. Wir finden es wichtig, sich generell diskriminierungskritisch mit Sprache auseinander zu setzen, da wir so (oft unbewusst) Abwertungen und Vorurteile transportieren. „Du läufst wie ein Mädchen“ ist ein Beispiel dafür. Oder: „Bist du behindert?“ In beiden Fällen wird vermittelt, dass das etwas Schlechtes ist. Es geht eine Abwertung des Gegenübers damit einher. 

5. Schluss mit der Dramatisierung von Geschlecht

Zugegeben: das ist vielleicht etwas dramatisch formuliert, doch ist es nicht so, dass wir ständig auf das (binäre) Geschlecht Bezug nehmen, um Situationen zu beschreiben, wofür es jedoch eigentlich irrelevant ist? 

Sprechen wir über andere Personen, zum Beispiel am Spielplatz, wird häufig als erstes auf das zugeschriebene Geschlecht Bezug genommen: „Schau mal, das Mädchen, da drüben beim Sandkasten…“  Beim Sandkasten sitzen aber vielleicht 5 Kinder, die Mädchen sein könnten, hingegen nur eines mit einer grünen Kappe. Warum also nicht stattdessen Bezug nehmen auf ein anderes Merkmal wie: „Schau mal, das Kind mit der grünen Kappe, da drüben beim Sandkasten…“

Wenn es darum geht, Unterschiede zwischen Männern und Frauen als Bevölkerungsgruppen zu betrachten, ist die Differenzierung nach Geschlecht sicher sinnvoll. Wenn es um Situationsbeschreibungen geht, können wir auch andere individuelle Merkmale heranziehen. Durch das ständige Abgrenzen voneinander als Mann und Frau oder Bub und Mädchen, bekommt das Geschlecht enorme Wichtigkeit als identitätsstiftendes Merkmal verliehen, wodurch wir letzten Endes auch die Zementierung von Rollenbildern befeuern.

6. Eigenschaften haben kein Geschlecht

Mutig, risikobereit, stark, aggressiv, wild, rücksichtslos.
Ängstlich, empfindlich, verletzlich, gefühlvoll, fürsorglich, brav.

Genauso wie wir den binären Geschlechtern „typische“ Eigenschaften zuordnen, haftet an diesen Wörtern schon beinahe eine eigene Geschlechtsidentität. Fast ein bisschen ein Teufelskreis. 

Eigenschaften sind Merkmale, die jemandem oder etwas zugeschrieben werden und das sollen sie auch bleiben. Sie haben per se kein Geschlecht. Deshalb plädieren wir dafür, Eigenschaften offen zu betrachten und nicht sofort einem Geschlecht zuzuordnen.

Mädchen schaukelt hoch

7. Zwischengeschlechtliche Freundschaften

Oh wie süß! Schau, wie er mit ihr flirtet.“
„Na, die macht ihm aber schöne Augen.“

Kennt ihr das auch? Da können die lieben Kleinen vielleicht gerade einmal selbstständig gehen und schon wird ihre Neugier auf die Umwelt im binären Hochzeitsmodus kommentiert.

Oder wenn Erstklässer:innen mit wissendem Schmunzeln danach gefragt werden, ob sie vielleicht schon Freund oder Freundin haben? Das ist vielleicht lieb gemeint, doch solche Kommentare trimmen schon kleine Kinder darauf, dass Beziehungen zwischen Mann und Frau immer etwas „Besonderes“ sind. Es schwingt mit, dass ihnen etwas Sexuelles anhaftet und dass nur heterosexuelle Beziehungen wünschenswert sind und die Ehe das oberste Gut ist, was es zu erreichen gilt.

Wenn Kinder ständig solche Kommentare hören, wenn sie mit Spielpartner:innen des anderen Geschlechts spielen, werden sie aufnehmen, dass dies etwas Ungewöhnliches ist, etwas merkwürdiges vielleicht – jedenfalls aber etwas be-merkenswertes und irgendwann werden sie es deswegen vielleicht einstellen. 

Lassen wir zwischengeschlechtliche Freundschaften unkommentiert was sie sind: Freundschaften.

8. Frauen sind nicht die besseren Menschen

Ist dir schon mal aufgefallen, dass die Bösewichte in Kindermedien meinst männlich sind? Abgesehen von bösen Schwiegermüttern und Hexen gibt es wenig Schurkinnen in den Geschichten, die wir erzählen. Auch das reproduziert Klischees von bösen, gewalttätigeren Männern und friedvolleren, gütigen Frauen… außer sie sind Stiefmütter. Noch so ein unnötiges Klischee.

Wo sind die Diebinnen, Räuberinnen, Lügnerinnen? In diesem Zusammenhang geht es uns auch nicht per se um Geschichten, in welchen der Antiheld oder die Antiheldin zentrale Hauptfigur ist. Es geht auch um die Nebenfigur des Diebs, der zum Beispiel am Rande einer Erklärgeschichte zum Thema „Polizei“ vorkommt. Wo waren diese Nebenfiguren schon mal weiblich? Uns ist nichts bekannt. Tipp für solche Geschichten in Kinderbüchern: einfach auch mal „die Diebin“ vorlesen.

9. „Lächle doch mal“

Ein Satz der schon vielen Frauen und Mädchen entgegen geworfen wurde, wenn ihnen gerade überhaupt nicht danach zumute ist. Häufig von Männern (…oder Burschen). Doch Mädchen und Frauen müssen nicht immer freundlich sein. Niemand muss das. Niemand hat das Recht zu erwarten, als Reaktion auf eine Kontaktaufnahme und Ansprache einer Person, ein Lächeln zu bekommen. 

Diese Aufforderung können wir aus unseren Köpfen streichen, sowie das ganze Gefühl, dass wir jemandem ein Lächeln schulden.

Kind mit Jeanskappe schaut genervt

10. Hinterfrage deine Komplimente

Machst du deinen oder anderen Kindern manchmal Komplimente, zum Beispiel um mit ihnen ins Gespräch zu kommen? Achte darauf, ob sie sich in Abhängigkeit vom Geschlecht unterscheiden. Ein Beispiel: „Du hast heute ein süßes Shirt an“ oder „cooles Shirt!“ richtet sich häufig an bestimmte Geschlechter. Mädchen bekommen oft Komplimente für ihr Aussehen, bei Buben wird Coolness oder Stärke gelobt. 

Also: mache Mädchen kein Kompliment, dass du Buben nicht auch machen würdest und vice versa.

Diskutiere unsere 10 Tipps zur Reflexion für eine Erziehung ohne Klischees gerne unten in den Kommentaren oder lass uns ein kurzes Feedback da. Hat dir der Artikel gefallen, freuen wir uns, wenn du ihn teilst und weiter empfiehlst.

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