Ball farblich in Mitte geteilt: rosa und hellblau

Da du auf diesem Blog gelandet bist, kennst du das vermutlich auch: du brauchst Kleidung für dein Kind, hast kurz ein paar Minuten Zeit und springst schnell in eines der üblichen großen Modekaufhäuser hinein – und bist schon nach wenigen Minuten beim Haare raufen!

Studie zu Klischees auf Kinderkleidung

Die beiden Abteilungen, Buben und Mädchen, präsentieren sich farblich homogen. Auf der einen Seite die dunklen Töne – vielleicht hie und da mal ein kleiner, roter Farbtupfer. Auf der anderen Seite die eher pastellfarbenen Töne – ein bisschen aufgelockert mit wenigen kräftigen Farbelementen, doch insgesamt schon sehr rosa-lila-weiß-lastig.

In Gesprächen darüber mit Verwandten, Bekannten, Freundinnen und Freunden (in denen ich mich oft sehr über diese Homogenität aufregen muss und meine innere Ruhe verliere), kommt dann immer wieder mal die Rückmeldung: „Ja, stimmt schon. Aber es sind doch nur Farben. So schlimm ist das ja auch wieder nicht.“

Hm, ja wenn es „nur“ die Farben wären…

Wenn es wirklich nur die Farben wären, wäre es vielleicht tatsächlich nicht ganz so schlimm. Und mit „schlimm“ meine ich in diesem Fall einschränkend, in stereotype Bahnen lenkend und bestimmte Bilder auf die Kinder projizierend.

Doch mit den geschlechterspezifischen Farben gehen auch geschlechterspezifische Sprüche und Motive einher. In welchem Ausmaß sich das bewegt, das war mir am Beginn meiner Reise auch nicht in der ganzen Tragweite bewusst.

Im Laufe der weiteren Auseinandersetzung mit der Thematik, bin ich dann auf die Arbeit von Sandra Tausch gestoßen, die mir verdeutlicht hat, wie stark Klischees in allen Themenbereichen der Motive transportiert werden.

Tausch hat in ihrer Studie insgesamt 3.860 Kinderoberteile aus Online-Shops aus verschiedenen Preissegmenten inhaltsanalytisch erfasst und die aufgedruckten Sprüche und Motive einer kritischen Untersuchung in Bezug auf ihre geschlechterspezifischen Aussagen unterzogen.

Wortwolke: cool, skate, rock, adventure und andere
Wortwolke: love, smile, magical, unicorns und andere

Cooler Skater vs. lächelndes Liebchen

Über sogenannte „Wordclouds“ hat Tausch sich stetig wiederholende Wörter und Themen in Sprüchen identifiziert und – wenig überraschend – herausgefunden dass Buben mit Wörtern wie „cool“, „skate“, „rock“, „adventure“ und „explore“ als die starken Abenteurer repräsentiert werden und Mädchen mit Wörtern wie „love“, „smile“, „star“, „magic“ und „unicorn“ als fröhliche, verträumte Wesen dargestellt werden. “Mit den Aufdrucken, seien es Sprüche oder Motive, gehen immer auch Erwartungshaltungen an die Träger*innen einher. Diese gesellschaftliche Konvention kann direkte Auswirkungen auf die Selbstidentifikation und -wahrnehmung haben.” (Tausch, S. 36).

Kaum Berufe auf Mädchen-Shirts

In dem umfangreicheren Teil, wo sich die Autorin schließlich den Motiven der Kinderoberbekleidung widmet, fand ich persönlich sehr spannend und bezeichnend, dass auf Shirts aus der Mädchenabteilung kaum Abbildungen von Berufen zu sehen sind. Auf Shirts für Jungs fand sie 54 Mal z. B. Feuerwehr-Motive, Polizisten und Handwerker. Auf Mädchen-Oberteilen kam das Motiv Feuerwehr und Polizei je ein Mal vor – im letzten Fall, mit einem Mann im Polizeiauto sitzend. Das vor Augen habend, drängt sich mir sofort die Frage auf: wenn wir wollen dass die Berufe wie z.B. Polizist und Polizistin, Feuerwehrmensch oder Handwerker und Handwerkerin zu annähernd gleichen Teilen von Frauen und Männern als Beruf gewählt werden, warum vermitteln wir den Kindern dann, dass dies Themen für Buben sind? Wenn Kinder keine Feuerwehrfrauen auf Abbildungen sehen, müssen sie erst viele gedanklichen Hürden überwinden bis sie sich das vorstellen können und dies dann auch für sich als Möglichkeit in Betracht ziehen können.

Unsportliche Mädchen

Als sehr unmädchenhaft wird auch wettkampforientierter Sport empfunden. Sportliche Motive fanden sich auf Buben-Shirts 8 mal häufiger als auf Mädchen-Leiberl. Zudem werden auf Shirts für Mädchen andere Sportarten dargestellt. Ballett, Cheerleading und Bändertanz ist einfach damenhafter als Fußball, Skateboarden, Paddeln und Rudern, Basketball, Surfen und so weiter. Buben haben hier zudem auch noch mehr Wahlmöglichkeiten und es wird deutlich, dass alle Sportarten die draußen stattfinden als männlich wahrgenommen werden, während Mädchen-Sport sich überwiegend indoor abspielt.

Das alles fühlt sich für mich so unglaublich 1950er Jahre-mäßig an. Aber Tausch hat ihre Arbeit 2018 eingereicht und seither hat sich wenig bewegt. Wir können uns das tagtäglich bei den großen Handelsriesen ansehen und unseren Puls ankurbeln, falls der grad ein wenig lasch unterwegs sein sollte.

Wer erobert den Raum?

Ein aussagekräftiges Schmankerl aus der Arbeit möchte ich zu guter Letzt noch aufgreifen. Die meisten Fahrzeuge sind gesellschaftlich mit der Männerwelt verbunden. Dies zeigt sich auch in Tauschs Analyse. Auf Buben-Oberbekleidung kommen 8 mal häufiger Fahrzeuge vor und diese sind auch vielgestaltiger als jene auf Mädchen-Shirts und Pullis. Fahrzeuge für Letztere sind zum Beispiel Schiffe (mit Blumendekoration), Fahrräder (mit Körbchen), Rollschuhe, Busse (zum Mitfahren), Autos (häufig vermenschlicht und rosa) und Mopeds. Piratenschiffe, Segelschiffe, U-Boote, Helikopter, Rennautos, Monstertrucks, LKWs, Bagger, Feuerwehrautos, Abschleppautos, Eisenbahnen, Mountainbikes, BMX-Räder, Skateboards, Surfbretter, Snowboards, Motorräder, Quads et cetera – wer nimmt wohl diese gefährlicheren und schnelleren Fahrzeuge? Und wer steigt in die Rakete und fliegt ins All? Richtig, Buben natürlich. Sie sind die Raumeroberer. Mädchen werden dagegen ungefährlichere und langsamere Fortbewegungsmittel zuteil oder sie werden gefahren. Sie sind die passiveren. Diese passivere Rolle bzw. die Zuschreibung dass die Frau sich passiver verhält, zieht sich später durch viele Lebensbereiche von Frauen.

In Tauschs Analyse finden sich noch weitere Beispiele die bekräftigen, wie klischeehaft die gängige Kinderkleidung der Handelsriesen ist. Zum Beispiel gibt es keine Superheldinnen und auf Mädchenkleidung kommen vor allem Haustiere vor, während bei den Burschen gefährliche Tiere aufgedruckt werden.

Aber die drei näher beleuchteten Motiv-Themen „Berufe“, „Sport“ und „Fahrzeuge“ verdeutlichen für mich am besten, wie tief diese Klischees, die über Kinderkleidung transportiert werden, gesellschaftlich reichen.

Einen Vorwurf, der mir in Diskussionen wiederkehrend begegnet, entkräftigt die nähere Auseinandersetzung mit der Arbeit: ich würde versuchen, Kinder für meine politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Meiner Meinung wird hier eines ganz klar: das werden sie schon längst und wir müssen uns dagegenstellen.

Quelle

TAUSCH, Sandra: Frühkindliche Differenzkategorisierung. Eine explorative Analyse von Kinderkleidung. Masterarbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2018.

Hier der Link zum Download researchgate.net

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