Tafel mit Text "Sei wie Pippi. Oder wie Annika. Sei du selbst"

pippi ist eine faszinierende Kinderfigur. Als Erwachsene erscheint sie mir manchmal wie ein Leuchtturm, den man gerne aus weiter Ferne betrachtet, ihm versucht näher zu kommen, mal näher dran kommt, dann wieder weiter weg treibt – aber gänzlich erreichen kann man ihn natürlich nie.

Gedanken über Stärke, Leichtigkeit und Selbstbestimmung

Pippi besitzt als mutmachende Leitfigur eine große Strahlkraft für mich persönlich und auch für die Erziehung meiner Kinder, auch wenn ich mich oft selber sehr viel mehr wie Annika fühle und sehe. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie ich dem Gedanken „Sei wie Pippi, nicht wie Annika“, der mir schon oft in meine Social Media Timelines gespült wurde, sehr rasch und heftig nickend zugestimmt habe, dann vom Computer aufgestanden bin und brav wie Annika meine Aufgaben weiter abgearbeitet habe.

Und natürlich ist das auch gut so, denn sonst würde die Welt nicht funktionieren. Ich denke, die beiden Figuren Pippi und Annika sind nicht als dichothome Gegenüber zu sehen, die miteinander in Widerspruch stehen. Für mich sind die beiden Figuren komplementär und einander ergänzend.

Annika braucht Pippi, denn sie selbst hat wenig eigene, spannende Ideen. Aber Pippi braucht auch Annika, um sich in der „Erwachsenen-Welt“ besser zurecht zu finden. Für mich ist Annikas Struktur zur Organisation meines Lebens und des Familienlebens quasi überlebensnotwendig, ohne der ich mich aufreiben würde und wahrscheinlich irgendwann zersplittern würde. Doch auch die Pippi in mir ist hierfür überlebenswichtig, denn sie stellt Abläufe „die eben so sind“ beständig in Frage und entdeckt so andere und neue Wege. Sie ist es, die mich eigene, für mich und meine Familie passende Lösungen entwickeln lässt und das braucht eben manchmal auch ein bisschen Mut. Mut sich gegen traditionelle gesellschaftliche Strukturen zu stellen, die immer und immer wieder reproduziert werden, weil es eben „schon immer“ so funktioniert hat.

Ich denke, dass alle von uns so eine innere Pippi haben und sie deshalb auch so eine Faszination auf uns ausübt. Oft muss sich Pippi allerdings erst raus wühlen, aus einem Berg von Strukturen, Abläufen, Wünschen und Vorstellungen die an eine und einen heran getragen werden. Leider nicht nur einmal, sondern immer wieder kehrend – jeden Tag, jede Woche aufs Neue. Mit der Zeit wird es aber auch etwas leichter, sich die innere Pippi mal wieder bewusst zur Brust zu nehmen.

Doch was kann diese Pippi eigentlich bzw. was kann sie für uns tun?

Einerseits bewundere ich natürlich ihre physische Stärke. Wie gerne würde ich manchmal unfreundliche, unhöfliche und verständnislose Menschen einfach mal auf einen hohen Baum rauf setzen, von dem sie selber nicht mehr runter kommen. Ein schöne Vorstellung, die mich in solchen Momenten zumindest zum Schmunzeln bringen kann, aber mehr lässt sich davon in der Realität natürlich nicht umsetzen.

Aber so manch andere Charaktereigenschaft Pippi’s können wir in unserem eigenen Leben einbauen und trainieren, um unseren Alltag selbstbestimmter zu gestalten.

Sagen, was wir denken 

Natürlich kann es sehr schnell zu Konflikten kommen, wenn wir immer sofort sagen, was wir denken. Auch Pippi bringt diese Eigenschaft immer wieder in Konfliktsituationen, aus denen sie aber stets wieder zu ihrer Zufriedenheit raus kommt. Aber wie oft halten wir mit unserer Meinung hinter dem Berg? Sagen mal lieber nichts, weil wir die Harmonie nicht stören wollen? Halten uns zurück, um nicht ins verbale Kreuzfeuer zu geraten? Das alles ist bequem, schützt uns und unsere Nerven, aber wird an der betreffenden Situation auch nichts ändern. Es gilt der Grundsatz: „choose your battles wisely“. Oberste Priorität ist, die eigene Kraft gut einzuteilen und uns selbst zu schützen. Mein Vorsatz ist es, auch in Situationen das Wort zu ergreifen, in denen ich mich sonst eher raus halten würde. Auch die eigene Stimme gehört trainiert – vor allem wenn wir etwas ändern wollen. Denn wie auch Patti Smith in der Doku „Dream of Life“ festhielt:

„We all have a voice. We have the responsibility to exercise it, to use it.“

Kind mit Gummistiefel springt in Pfütze

Die Leichtigkeit bewahren

Ich selbst laufe dann allerdings auch sehr schnell Gefahr – vor allem wenn es um meine Herzensthemen geht – mich zu emotional in Diskussionen zu verbeißen oder Aufgaben perfekt erledigen zu wollen. In beiden Situationen habe ich mir vorgenommen, mich kurz an Pippi’s kindliche Leichtigkeit zu erinnern, um etwas davon in diese Situationen einfließen zu lassen. Klar ist, dass ich dennoch nicht die Küche mit Scheuerbürsten an den Füßen, wie Schlittschuhe, putzen werde. Es animiert mich aber dazu, die Küche auch mal unordentlich zu lassen und was zu machen was mehr Spaß macht, anstatt mich darüber zu ärgern, dass ich jetzt die Küche sauber machen muss. Und in schwierigen Diskussionen kann ich mein Gegenüber ja auch mal kurz gedanklich auf einen Baum setzen, um mal durch zu atmen und mir wieder bewusst zu machen, dass man die Welt nicht an einem Tag ändern kann.

Hinterfragen – und dann das eigene Ding machen

Die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen, beständig zu hinterfragen, wenn man, so wie Annika, innerhalb dieser aufgezogen wurde und diese verinnerlicht hat, ist natürlich nicht leicht. Aber Übung macht den Meister und die Meisterin. Wenn mich etwas ärgert, ich mich beklemmt oder eingeengt fühle, dann versuche ich zu hinterfragen warum, wo die Ursache liegt, um irgendwann Lösungsansätze zu finden. Pseudo-Rechtfertigungen wie „das macht man halt so“, „das ist halt so“ oder „das war immer schon so“ gelten nicht. Warum muss ich meinem Kind ständig in der Früh damit in den Ohren liegen, dass man ein gutes Frühstück für den Start in den Tag braucht, obwohl es halt einfach morgens nichts essen will? Weil ich zu den „guten Eltern“ gehören will? Die können aber auch ganz anders, als unser Bild davon ist, aussehen. Ein gutes Elternteil ist man für das Kind, also zählt es seine Bedürfnisse zu erfüllen. Mit oder ohne Frühstück. Die Meinung der anderen Erwachsenen, die gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüche, kann man da getrost außen vor lassen. Und das funktioniert in vielen großen und kleinen Belangen so. Aber Achtung – eine kleine Warnung: hat man einmal mit dem Hinterfragen angefangen, kann man nicht mehr damit aufhören.

Do it your way

Pippi heimst auch Kommentare wegen ihrer großen Schuhe, ihrer Haare, ihrer Sommersprossen oder ihrer Kleidung ein. Aber es ist ihr völlig egal. Sie zielt mit ihrem Stil nicht auf Anerkennung durch andere ab. Sie kleidet sich so, wie sie sich wohl fühlt. Sie macht, wie auf vielen anderen Ebenen, ihr Ding. Und das sollten wir auch tun. Sowohl in Bezug auf unser Outfit, als auch auf unseren Lebensstil. Immer mit einem liebevollen Blick auf unsere Mitlebenden, was für mich bedeutet, Rücksicht zu nehmen, andere im Rahmen meiner Möglichkeiten mitzudenken und nachhaltig mit unseren Ressourcen umzugehen. Das viel diskutierte „gute Leben“ ist nicht nur etwas, das für mich erstrebenswert ist, auch alle anderen haben das Recht dazu, ein „gutes Leben“ führen zu können. Was das genau ist bzw. was ich mir darunter vorstelle weiter auszuführen, würden den Rahmen hier jetzt sprengen. Vielleicht dazu an anderer Stelle in Kürze mehr.

Aus den Geschichten rund um Pippi lassen sich sicher noch viele weitere Anregungen für das eigene Leben mitnehmen. Ob als erwachsener Mensch oder als Kind. Ein bisschen wie Pippi sein, oder „Pippi spielen“ bedeutet, sich mit bestehenden Regeln, von denen man sich eingeschränkt fühlt, auseinanderzusetzen. Pippi nimmt sich die Freiheit sie zu brechen. Ich erlebe selbst oft heftig, wie sehr sich mein Kind gegen meine Regeln bzw. unsere Regeln als Eltern wehrt. Da geht es natürlich noch um sehr grundlegende Dinge wie Anziehen oder Zähne putzen. Das Nachdenken über Pippi, die Regeln des Zusammenlebens und Autonomie hat mir sehr deutlich gemacht, wie sehr wir mit unseren Regeln auf Kinder einwirken – und einwirken müssen. Denn ohne viele dieser Regeln geht es halt auch nicht. Doch so manche dieser Regeln kann man auch mal fallen lassen und Kindern (und uns selbst!) mehr Autonomie und mehr Wirksamkeit über ihr Leben zugestehen. In so manchen Situationen kann sich das sehr positiv auf das Familienklima auswirken. Welche Regeln das sind, müssen alle Eltern selbst entscheiden. Je nach eigener Wichtigkeit und Dringlichkeit.

Family Rules

Welche Regeln habt ihr im Laufe der Zeit für euer Familienklima überdacht, geändert oder sogar über Bord geworfen? Gibt es bei euch Situationen, die euch an Pippi Langstrumpf denken lassen oder in denen euch die Figur, sogar weitergeholfen hat?

Lasst mir doch euren Kommentar dazu da.

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